Nach großen Kochaktionen wie z.B. nach der Aktionskoche zu den Protesten gegen den Klimagipfel in Kopenhagen bekommen wir Liebesbriefe von begeisterten Campteilnehmer_innen. Die Volxküche ist als zentraler Mittelpunkt der Proteststruktur auch nicht zu übersehen – sobald die ersten Aktionsgruppen los ziehen ist der Café fertig und wenn abends die Letzten zurückkommen gibt es noch Reste warmer Suppe zum Aufwärmen. An den Kochern und 200-Liter Töpfen kommen die Campteilnehmer_innen gerne vorbei – um sich auszutauschen und das Protestgeschehen auszuwerten und Aktionen für den nächsten Tag zu planen.

Was wäre die Revolution ohne das dazugehörige Mahl? Was macht eine soziale Bewegung ohne einen selbst organisierten Raum der sozialen Begegnung, des nicht institutionalisierten Austausches und des Miteinanders? Und warum finden die besten Partys immer in der (Volx-)küche statt?

Wie verortet sich die Volxküche selbst im Spannungsverhältnis von praktisch gelebter Revolution und sozialer Dienstleistung und wie wird sie von außen in der Bewegungs-Szene wahrgenommen?

Die Volxküche als autonomer Dorfplatz holt das Kochgeschehen aus der Küche und stellt es auf die Straßen und Plätze, mitten in die Schauplätze sozialer Kämpfe. Das merkt auch die Presse – sie ist immer gerne am Filmen an den Töpfen und berichtet mit Faszination über die praktische Selbstorganisation der Volxküche. So wurde in Berichten über die Proteste gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm nicht selten darauf hingewiesen, dass die Blockaden von den Volxküchen geradezu permanent mit Essen und Getränken versorgt wurden – die Volxküchen kamen im Gegensatz zum Catering der Polizei immer und überall durch. Diese kleinen Geschichten am Rande weisen darauf hin: Hier passiert etwas, es passiert selbst organisiert und es gibt eine Ahnung davon – vielleicht funktioniert es besser als die offizielle staatliche Organisation. Wenn alle mithelfen und spenden was sie können (Geld, Arbeitskraft, Ideen, Mut etc.), lässt sich vielleicht eine bessere Welt aufbauen.

Trotz aller positiven Eindrücke vom Kochgeschehen und der Selbstorganisation der Volxküchen schleichen sich in der praktischen Organisierung die ein oder anderen Probleme ein, die wir an dieser Stelle nicht verschweigen wollen. Natürlich verstehen sich die sich Köch_innen der Volxküchen (also wir) nicht als Dienstleistungsunternehmen für die immerfort protestierenden Campteilnehmer_innen – also gehen wir auch mal zum Camp-Plenum um deutliche Ansagen zu machen und Menschen an ihre revolutionäre Pflicht zur Selbstorganisation zu erinnern: dass die Leute doch bitte schnippeln, abwaschen, ihre Teller zurück bringen oder Ähnliches tun sollen. Und vor allem mithelfen bzw. wenn das schon nicht geht wenigstens ordentlich spenden sollen!

Unserem Anspruch nach muss die Grenze zwischen den Kochenden und Bekochten weg – wir sind eben nicht die Kochprofis mit den großen Töpfen an die außer uns keine_r mehr kochen darf bzw. wollen das nicht sein – daher ist es uns immer wieder wichtig die Rolle der Volxküche in der Proteststruktur zu reflektieren, allen Beteiligten – auch uns selber – klar zu machen, dass es sich nicht um ein Dienstleitungsangebot sondern um eine Mitmachvokü handelt. Nur so lässt sich die Grenze einreißen.

Wir glauben, das es gut ist, wenn einige Leute, die sich mit der Volxküche auskennen, den Laden am laufen halten, aber eine Trennung zwischen AktivistInnen und irgendwelchen Reproduktionskräften im Bereich Haushalt, Kochen, Bügeln kann es nicht geben. (Hannover Volxküche zum Grenzcamp in Köln)

Einige Entscheidungen muss/kann und sollte die Volxküche treffen – vor allem wo gekocht wird, was gekocht wird und wer kocht… (und was passiert eigentlich mit den Vokü-Millionen?) aber dazu im Einzelnen:

Entscheidung wo gekocht wird, welche Aktion und welches Camp unterstützt wird

Da wir durch jahrelanges Kochen inzwischen eine recht beeindruckende Koch-Infrastruktur zusammengebastelt haben (selbst gebaute Töpfe, zusammen geklaute Löffel usw.), verfügen wir auch über die Macht diese Infrastruktur einzusetzen, und Mithilfe einzufordern. Ohne Hilfe bleibt die Küche kalt… Was ist aber wenn die Küche einfach die Kellen niederlegt? Die Kocher abbaut? Welche Gefahr birgt Verfügungsgewalt über Produktionsmittel?

Vielleicht wird die Wichtigkeit der Volxküche auch überbewertet – die dezentrale Selbstversorgung eines Protestcamps ohne Volxküche könnte das soziale Miteinander im Camp stärken. Zudem wäre die Protestinfrastruktur dezentralisiert viel flexibler und nicht so leicht angreifbar. Der kommunikative Mittelpunkt durch die Küche kann durch eine funktionierende Plenums-Struktur aufgefangen werden und die Camp-Strukturen insgesamt gestärkt werden. Vielleicht würde aber ohne die Vokü-Struktur doch etwas fehlen?

Die konkrete Entscheidung eine Aktion/Camp/Demo zu bekochen hängt von einigen Kriterien ab. Zum einen müssen wir von der Aktion wissen bzw. gefragt werden. Dann muss sie uns unterstützenswert erscheinen, was eine (gruppen-) subjektive Entscheidung unsereins ist (hier haben wir real Macht). Und nun müssen wir auch noch Zeit haben. Das erscheint immer wieder als das größte Problem.

Equipment

Auch wenn wir uns das Koch-Material zusammen gesammelt haben, es pflegen, warten und verwalten, gehört es nach unserem Selbstverständnis im weitesten Sinne der autonomen Szene (allein durch eure Spendengelder und praktische Mithilfe bei der Materialorganisation). Daher ist sowohl das Kochequipment als auch die Volxküche ein Teil der autonomen Bewegung und kann von dieser auch beansprucht und benutzt werden. Die Vokü-Gruppe dagegen verwaltet und verleiht das Equipment nur und gibt – falls sie keine Zeit oder Lust hat – auch die komplette Küche an koch erfahrene Personen weiter. Grundsätzlich ist das natürlich situationsabhängig, aber ebenso grundsätzlich fühlen wir uns nach einer Kochzusage an unsere Infrastruktur-zusage auch verpflichtet. (Kleingedrucktes: Es gibt natürlich bestimmt auch Ausnahmen, in denen wir uns vorbehalten, samt Kochtöpfen abzureisen.)

Entscheidung über den Inhalt der Kochtöpfe

Neben der Entscheidung wo gekocht wird entscheidet die Vokügruppe auch was gekocht wird – hat also die praktische Verfügung über den Inhalt der Kochtöpfe. Hier haben sich einige Standards herausgebildet, die uns als Kochgruppe wichtig sind wie z.B. die vegane Küche oder die Verwendung von Lebensmitteln aus Überschussproduktion die uns gespendet werden. Gerne kochen wir auch Öko und/oder Bio und legen diesen hohen Standard für euch und uns fest.

Big Pot

Zudem haben wir festgestellt, dass die regionale Versorgung mit Lebensmitteln – am besten im direkten Kontakt mit Bäuer_innen vor Ort – die beste Form der Nahrungsmittelbeschaffung ist. Manchmal fordern wir dann etwas mehr Spendengeld, da einige Bestandteile der regionalen Bioküche nur für Euros zu haben sind. Trotzdem haben wir den Anspruch, dass alle Menschen die dieses Geld nicht aufbringen können auch ein Anrecht auf leckeres Bioessen haben – und zwar ganz und gar ohne schlechtes Gewissen. Denn wie wir wissen, ist ja im Prinzip immer von allem für alle genug da!

Entscheidung und Verfügung über Spendeneinnahmen

Manchmal haben wir auch mehr Spendeneinnahme als Ausgaben – so wie z.B. nach der (langwierigen) Gesamtabrechnung nach den G8-Protestcamps. Was passiert dann mit den Spendeneinnahmen? Dass davon nichts in eigene Taschen wandert ist oberstes Prinzip, doch wem geben wir es stattdessen? Welche sozialen Kämpfe finden wir unterstützenswert? Zum Teil haben wir die „Gewinne“ dann in den Aufbau der Infrastruktur gesteckt, den Großteil jedoch wieder in die Bewegung zurück fließen lassen – indem wir in der Regel die nach größeren Protestaktionen leider benötigten Anti-Repressionskassen unterstützt haben.

Entscheidung wer an die Töpfe darf, wer kann kochen und wer nicht?

Mit den größeren Töpfen und der erweiterten Kapazität einer Volxküche wird die Gefahr des Aufbaus und der Verfestigung von Wissenshierarchien immer größer. Der Anspruch einer Mitmachküche steht und fällt mit den Möglichkeiten die Grenze zwischen den Bekochten und Kochenden abzubauen – die Möglichkeit dass aus den Bekochten Kochende werden und umgekehrt. Gerade in der Praxis der Kochaktion sollten folgende Fragen immer wieder gestellt werden:

Wer steht an den Töpfen?
Wer traut sich an die Kocher?
Wer ist ständig am Abwaschen?

Mitmachküche kann als politische Arbeit nicht nur heißen, dass Menschen für den Abwasch, Gemüsezerteilen oder Müll raustragen gebraucht werden – auch wenn diese Aufgaben wie immer erledigt werden müssen. Im Gegensatz zu anderen Politgruppen, gibt es gerade in der Küche genug Möglichkeiten direkt praktisch tätig zu werden. Vermutlich gab es einige unter uns Köch_innen, die das (Endlos)Plenieren und Philosophieren in der Politgruppe satt hatten und stattdessen endlich auch mal wieder etwas machen wollten. Ein „Hunger“ auf konkrete praktische Arbeit. Der treibt auch immer wieder Helfer_innen jeder Couleur in unsere Küchen.

Aber nicht zu selten ergeben sich dabei doch sehr klar verteilte Rollenmuster. Unser Anspruch diese zu reflektieren und zu unterwandern geht manchmal dann doch auch im Schwung der Kochlöffel unter und so bleibt Helfer_innen nichts anderes, als ein großes Selbstbewusstsein an den Tag zu legen, um tatsächlich in die Sphären der Würzmischungen und Aufstriche vorzustoßen.

Um die Grenze zwischen den Bekochten und den Kochenden endgültig niederzureißen, müssen sowohl interne Wissenshierarchien abgebaut werden als auch die permanente Wissensweitergabe an alle Helfer_innen organisiert werden. Und hier kommt es dann mit der Professionalisierung (noch größere Töpfe, größere Essensmengen…) immer wieder zu Kochsituationen, die unserem Anspruch ganz und gar nicht gerecht werden. Die manchmal etwas zu weit verbreitete Dienstleistungsmentalität in der Szene (Spezialist_innen-Infrastrukturgruppen für alle Aufgabenfelder) führt auch nicht gerade dazu, dass mehr Menschen zum Mitmachen bewegt werden. Dazu kommen natürlich auch Gruppenprozesse innerhalb der Vokü-Gruppe, die auf Außenstehende abschreckend wirken.

Die Schritte zum Mitmachen sind theoretisch ganz einfach: Vorbeikommen und mithelfen, Gruppe kennenlernen und Kochspaß haben… Oder ihr lasst euch auf unseren Kochaktions-Infoverteiler setzten und bekommt einige Wochen vor der nächsten Kochaktion eine Einladung zum Vorbereitungstreffen. Zur konkreten Aufgabenverteilung und Menüplanung gibt es außerdem an jedem Kochtag ein Küchenplenum auf dem die Kochteams für den nächsten Tag eingeteilt werden. Rezeptvorschläge und Ideen findet ihr auf der Food For Action Homepage, die wir ständig erweitern.

Also viele Möglichkeiten zum Mitmachen, Selbermachen und Besser machen. Und daher und/oder zum Abschluss können wir es gar nicht oft genug betonen:

Die Grenze zwischen den Bekochten und Kochenden muss weg!

(von Food For Action)